Umgang mit der eigenen Behinderung
Eine Behinderung ist immer eine Herausforderung: Bestimmte Dinge gehen mit einer Behinderung weniger gut oder gar nicht. Zusätzlich erleben Menschen mit Behinderung oft Vorurteile und Stigmatisierung durch andere.
Wie sehe ich mich und meine Behinderung?
Menschen mit Behinderung gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Behinderung um, und das ist auch normal. Wie sehe ich mich und meine Behinderung? Akzeptiere ich sie als einen Teil von mir oder leide ich darunter? Die eigene Behinderung zu akzeptieren, kann schwierig sein, aber die Lebenszufriedenheit profitiert sehr davon, wenn es gelingt, die eigene Behinderung ins Selbstbild zu integrieren.
Akzeptanz ist wichtig
Der Umgang mit der eigenen Behinderung ist von vielen Einflüssen abhängig. Dazu gehören die Art und Schwere der Behinderung: Ein amputierter Unterschenkel ist etwas anderes als eine hohe Querschnittlähmung. Die Art und Weise, wie die Behinderung eingetreten ist, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Ist sie durch ein traumatisches Ereignis wie Unfall oder Krankheit erworben, oder ist sie angeboren, und die Person kennt es nicht anders? Das soziale Umfeld ist ebenfalls wichtig: Hat eine Person Rückhalt und Unterstützung in der Familie und/oder im Freundeskreis? Wird die Behinderung dort akzeptiert, oder gibt es Hänseleien oder Ausgrenzung, beispielsweise in der Schule? Geben Eltern einem Kind mit Behinderung das Gefühl, nicht „richtig“ zu sein, oder stärken sie sein Selbstvertrauen?
Persönlichkeit und Alter spielen eine Rolle
Dazu kommen Unterschiede in der Persönlichkeit: Einige Menschen sind von Natur aus selbstsicher und widerstandsfähig; andere Menschen haben ein dünneres Fell, haben ein weniger starkes Selbstbewusstsein und erleben auch deshalb eine Behinderung als eine schwere Belastung. Auch das Alter spielt eine Rolle: Eine sichtbare Körperbehinderung kann in der Pubertät zu einer ganz anderen Belastung werden als im Kleinkindalter. Darüber hinaus gehen unterschiedliche Kulturen unterschiedlich mit Behinderung um; andere Länder sind beispielsweise bei den Themen Barrierefreiheit und Inklusion im Schulwesen deutlich weiter als Deutschland.
Forschungen von Prof. Dr. Bertolt Meyer
Prof. Dr. Bertolt Meyer ist Psychologe und Professor an der TU Chemnitz. Ihm fehlt aufgrund einer angeborenen Fehlbildung (Dysmelie) der linke Unterarm. Er forscht mit seinem Team unter anderem zu Diversität, Stereotypen und zu Technologiewahrnehmung. Er hat in dem Zusammenhang auch erforscht, wie Menschen mit Körperbehinderung gesehen werden, welche Stereotype es über sie gibt und wie Prothesen die Selbstwahrnehmung von Menschen mit Behinderung und Stereotype über Menschen mit Behinderungen verändern.[1]
Seinen Erfahrungen nach ändert eine erworbene Behinderung die Sicht aufs Leben und die eigene Zukunft. Vielen Menschen mit einer Körperbehinderung gelingt es, diese als Teil ihrer Identität zu sehen – als etwas, das dazu beiträgt, wie man ist. Das kann so weit gehen, dass Menschen mit Behinderung diese als eine Bereicherung für ihr Leben sehen und sie diese selbst dann nicht rückgängig machen würden, wenn sie die Chance dazu hätten. Viele Betroffene erleben die mit einer Behinderung verbundenen Einschränkungen und Erfahrungen aber auch als sehr negativ und leiden darunter.
Professionelle Hilfe suchen und annehmen
Alle Befunde zeigen: Eine Körperbehinderung kann einen starken Einfluss auf die Psyche haben. Wenn sich im Kontext der Behinderung, beispielsweise nach einem Unfall oder Erkrankung, psychische Symptome wie Rückzug, Niedergeschlagenheit, Interessenlosigkeit oder Ähnliches für mehr als drei Monate zeigen, sollte umgehend psychologische Hilfe in Anspruch genommen werden.
Gesetzlich Versicherte können sich bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung schnelle psychologische Hilfe suchen (https://www.116117.de/de/psychotherapie.php). Weitere Hilfsangebote stehen in unserem Artikel über Trauma. Häufig hilft auch schon ein Austausch mit anderen Betroffenen, wie zum Beispiel in Selbsthilfegruppen oder auch online, wie beispielsweise in geeigneten Facebook-Gruppen.
Stereotype gegenüber Menschen mit Behinderung und ihre Folgen
Menschen teilen andere Menschen, die sie wahrnehmen, in soziale Gruppen (zum Beispiel Rentner:innen, Mütter, Ärzte:innen, Fußballfans) ein. Über alle relevanten sozialen Gruppen gibt es Stereotype. Stereotype sind sozial geteilte Annahmen über Angehörige sozialer Gruppen, die Individualität außer Acht lassen. Stereotype besagen beispielsweise, dass Schweizer:innen pünktlich und Rentner:innen schwerhörig sind. Laut dem Stereotype Content Model (SCM), das auf Forschungen der amerikanischen Sozialpsychologin Susan Fiske[1] basiert, transportieren Stereotype Informationen auf zwei zentralen Dimensionen: Wärme (was haben Mitglieder dieser Gruppe für Absichten – von schlecht [kalt] bis gut [warm]) sowie Kompetenz (wie gut können Mitglieder dieser Gruppe ihre Absichten in die Tat umsetzen – von schlecht [inkompetent] bis gut [kompetent]).
Vier Arten von stereotypisierten Gruppen
Vereinfacht ergeben sich so vier Arten von stereotypisierten Gruppen: Die Kompetenten mit den guten Absichten bilden in der Regel die Gruppen, denen wir uns selbst zugehörig fühlen, oder solche, die wir bewundern. Außerhalb dieser Eigengruppe gibt es noch drei Felder, um „die anderen“ (die sogenannte Außengruppe) zu kategorisieren: Die Inkompetenten mit den schlechten Absichten (Lehrbuchbeispiele sind Drogensüchtige und Obdachlose), die Inkompetenten mit den guten Absichten (das Lehrbuchbeispiel sind Rentner:innen) und die Kompetenten mit den schlechten Absichten (in fast allen Kulturen werden Reiche und Banker:innen hier eingeordnet). Die Stereotypisierung warm, aber inkompetent heißt auch paternalistischer Stereotyp.
Wahrnehmung von Menschen mit Körperbehinderung: warm und inkompetent
Empirische Forschungen aus über 35 Ländern bestätigen diese zweidimensionale Struktur des Bedeutungsinhalts von Stereotypen.[3] In einer Untersuchung aus Deutschland zum SCM zeigte sich beispielsweise, dass Hausfrauen als eher warm und inkompetent angesehen, dass Feministinnen als eher kalt und kompetent gesehen werden und dass Menschen mit einer Körperbehinderung genau wie Rentner:innen als eher warm und inkompetent angesehen werden.[4]
Einordnung beeinflusst Emotionen und Verhalten
Die Einordnung einer gesellschaftlichen Gruppe gemäß SCM beeinflusst die Emotionen und das Verhalten gegenüber Menschen aus der jeweiligen Gruppe. Menschen aus Gruppen, die wir als kalt und inkompetent wahrnehmen, begegnen wir mit Gleichgültigkeit und ignorieren sie. Wir bewundern Gruppen, die wir als warm und kompetent sehen und unterstützen sie. Sehen wir Gruppen als kalt und kompetent, reagieren wir mit Neid oder Ablehnung und schädigen ihre Mitglieder. Und Menschen aus Gruppen, die wir als warm und inkompetent wahrnehmen, begegnen wir mit Mitleid und versuchen, ihnen zu helfen.
Mitleid und Hilfsangebote
Und genau diese Erfahrung machen Menschen mit Körperbehinderungen häufig: dass man ihnen mit Mitleid begegnet und ihnen Hilfe anbietet, obwohl sie es eventuell gar nicht nötig haben oder möchten. Durch diese Erfahrungen lernen Menschen mit Behinderungen, dass sie in den Augen der Gesellschaft als weniger kompetent als ihre nichtbehinderten Mitmenschen gelten. Das kann auf Dauer sehr belastend sein.
Kompensationsgedanken
Aufgrund dieser Stigmatisierung als wenig kompetent verspüren viele Menschen mit Behinderung einen Druck, der Gesellschaft das Gegenteil „zu beweisen“, indem sie bestimmte Dinge ganz besonders gut machen. Sie versuchen unbewusst, ihre Stigmatisierung durch besonders hohe Leistung zu kompensieren, beispielsweise im Sport. Dieser Leistungsdruck kann aber wiederum zu einer psychischen Belastung werden, deswegen sollte man darauf achten.
Funktionaler und psychologischer Nutzen von modernen Prothesen
Studien zeigen in diesem Zusammenhang, dass moderne Prothesen für Menschen mit fehlenden Gliedmaßen durch ihr technisches (und damit kompetentes) Aussehen ebenfalls das Stigma der Inkompetenz ausgleichen können: Menschen mit Behinderung, die eine bionische Prothese tragen, wurden von anderen Personen als genauso kompetent wie nichtbehinderte Personen eingeschätzt.[1] Moderne Prothesen haben deshalb nicht nur einen funktionalen Nutzen, sondern auch einen psychologischen.
Stigmatisierung durch die Gesellschaft
Menschen mit einer Behinderung werden aus den genannten Gründen von der Gesellschaft als weniger kompetent wahrgenommen und behandelt, als es ihrem Selbstwert entspricht. Die wiederholte Erfahrung, mitleidig (und somit von oben herab) behandelt zu werden, kann dazu führen, dass Menschen mit Behinderung sich die vermeintlich geringe Kompetenz, die andere ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen, selbst zuschreiben. So wird die vermeintliche Minderwertigkeit in den Augen anderer internalisiert. Eine solche Verinnerlichung des Stigmas kann dazu führen, dass Menschen mit Behinderung sich für ihren Körper bzw. ihre Behinderung schämen und versuchen, sich oder ihre Behinderung zu verstecken – mit entsprechenden Konsequenzen für Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderung ein soziales Umfeld haben, in dem sie nicht bemitleidet und bevormundet werden. Betroffene sind deshalb gut beraten, das eigene soziale Umfeld zu reflektieren und es selbst nach Möglichkeit so zu gestalten, dass es aus der eigenen Sicht förderlich für die eigene Selbstentfaltung und den Umgang mit der eigenen Behinderung ist.
Austausch auf Augenhöhe für Abbau von Stereotypen
Der beste Weg zum Abbau von Stereotypen gegenüber Menschen mit Behinderung ist Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen in Situationen, in denen man sich auf Augenhöhe begegnet und in denen es ums Erreichen gemeinsamer Ziele geht: in der Schule, am Arbeitsplatz und im Verein. Deshalb ist Inklusion von Menschen mit Behinderung in allen Bereichen der Gesellschaft eine wichtige Voraussetzung für den Abbau von Stereotypen, und das ist wiederum eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der es noch viel zu tun gibt.
Fazit
Zusammenfassend ist klar, dass eine Behinderung eine große Herausforderung ist, weil sie einschränkt, zu Stigmatisierung und geringerem Selbstwert führen kann. Der Umgang mit der eigenen Behinderung und ihre erfolgreiche Integration ins Selbstkonzept sind deshalb wichtig für die Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit von Menschen mit Behinderung. Vielen Menschen mit Behinderung gelingt ein guter Umgang mit der eigenen Behinderung, und sie wird am Ende eines Prozesses, der auch länger andauern kann, von vielen als wichtiger Teil der eigenen Identität akzeptiert oder sogar wertgeschätzt. Für einen solchen positiven Umgang sind soziale Unterstützung und die Erfahrung der eigenen Kompetenz wichtig; auch eine gute prothetische Versorgung kann bei diesen psychosozialen Aspekten helfen.[5] Schlussendlich ist der Abbau von Stereotypen gegenüber Menschen mit Behinderung eine Aufgabe für alle, egal ob behindert oder nicht.
[1] Meyer, B. & Asbrock, F. (2018). Disabled or Cyborg? How Bionics Affect Stereotypes Toward People With Physical Disabilities. Frontiers in Psychology, 9. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.02251
Bretschneider, M., Meyer, B. & Asbrock, F. (2023). The impact of bionic prostheses on users’ self-perceptions: A qualitative study. Acta Psychologica, 241, 104085. https://doi.org/10.1016/j.actpsy.2023.104085
[2] Fiske, S. T., Cuddy, A. J. C., Glick, P. & Xu, J. (2002). A model of (often mixed) stereotype content: Competence and warmth respectively follow from perceived status and competition. Journal of Personality and Social Psychology, 82(6), 878–902. https://doi.org/10.1037/0022-3514.82.6.878
[3] Cuddy, A. J. C., Fiske, S. T., Kwan, V. S. Y., Glick, P., Demoulin, S., Leyens, J., Bond, M. H., Croizet, J., Ellemers, N., Sleebos, E., Htun, T. T., Kim, H., Maio, G., Perry, J., Petkova, K., Todorov, V., Rodríguez‐Bailón, R., Morales, E., Moya, M., … Ziegler, R. (2009). Stereotype content model across cultures: Towards universal similarities and some differences. British Journal of Social Psychology, 48(1), 1–33. https://doi.org/10.1348/014466608X314935
[4] Asbrock, F. (2010). Stereotypes of Social Groups in Germany in Terms of Warmth and Competence. Social Psychology, 41(2), 76–81. https://doi.org/10.1027/1864-9335/a000011
[5] Saradjian, A., Thompson, A. R. & Datta, D. (2008). The experience of men using an upper limb prosthesis following amputation: Positive coping and minimizing feeling different. Disability and Rehabilitation, 30(11), 871–883. https://doi.org/10.1080/09638280701427386